3.8.18



Von Messern, Stöcken und (gar nicht so) zarten Fäusten

Mein Trainingstagebuch der 5. Frauenkampfkunstwoche 2018 beim Reit- und Erlebnishof Preddöhl


Die Kampfkunst ist zum Glück schon lange keine Männerdomäne mehr. Es gibt viele Frauen die Spaß und Freude daran haben. Inzwischen können alle, die Lust darauf haben, die unterschiedlichsten Stile der Kampftechniken erlernen. Die unterscheiden sich in einigen Aspekten relativ stark und haben doch viele Gemeinsamkeiten.  Eine perfekte Möglichkeit mal über den Tellerrand der eigenen Trainingseinheiten hinauszuschauen, ist die Frauenkampfkunstwoche in Preddöhl. In diesem Jahr trafen sich zum 5. Mal mehr als 50 Teilnehmerinnen um miteinander zu trainieren und voneinander zu lernen. Sie waren aus ganz Deutschland und halb Europa angereist. Den weitesten Weg hatte wohl die Aikido-Trainerin, die aus Finnland kam. Für eine Woche fand sich in der Prignitz eine bunt gemischte Truppe von Frauen und Mädchen zusammen, die in Kampfstil, Größe, Alter und Erfahrungen eine ziemliche Bandbreite abdeckten. Und ich war eine von ihnen. (Verhältnismäßig klein, nicht mehr jung und mit Erfahrungen im Shuri Ryu Karate, die sich als nicht besonders fortgeschritten bezeichnen lassen, wie man an meinem grünen Gürtel erkennen kann.)

Sonntag, 22.07.2018

Der Sonntagabend beginnt mit der obligatorischen Begrüßungsrunde im Dojo des Reit- und Erlebnishofes Preddöhl. Ich blicke im Kreis herum und entdecke einige bekannte Gesichter. Unter ihnen und auch bei den unbekannten Frauen überwiegen die Braun- und Schwarzgurte. Das heißt, dass fast alle Anwesenden mehr Erfahrungen in der Kampfkunst haben. Bevor ich mir darüber Gedanken machen kann, beginnt der offizielle Teil mit den allgemeinen Mitteilungen. Da ist viel Organisatorisches für die Übernachtungsgäste darunter. Die wichtigste Information lautet: Nach dem Abendessen treffen wir uns in der Turnhalle von Gerdshagen zum Begrüßungstraining
Als Trainerinnen werden in dieser Woche vier ganz unterschiedliche Frauen agieren. Sie vertreten dabei recht verschiedene Stile.

Für die Richtung Shuri-Ryu Karate ist Lydia verantwortlich. Sie ist meine Sensei, bei der ich hier in Pritzwalk trainiere, und wird uns hauptsächlich im Stockkampf unterrichten. Der ist Teil unserer Karateform. Außerdem fungiert sie gleichzeitig als Mitglied des Organisationskomitees.

Li aus Bonn ist Meisterin im Kungfu To'A. das ist ein iranischer Kungfu-Stil, der sich durch vielseitige Tritte und Trittkombinationen auszeichnet.

Jenny aus Finnland soll uns Aikikai Aikido nahe bringen und lässt uns an dem Wissen teilhaben, das sie in Japan erworben hat.

Birgit schwärmt für Kickboxen und Selbstverteidigung. Als ehemalige Teamcoach für das Wado Ryu Karate Nationalteam der Frauen bringt sie uns den Freikampf nah.

In der Turnhalle Gerdshagen angekommen stellen wir uns gegenseitig kurz vor und erzählen welchen Stil wir erlernen. Ich bin erstaunt und überrascht, welche bunte Mischung hier doch angetreten ist. Von manchen Richtungen habe ich vorher noch nicht einmal den Namen gehört.

Lydia beginnt das Training mit einigen mir bekannten Übungen aus unserem Stil. So habe ich gleich zum Einstieg ein Erfolgserlebnis. Allerdings denke  ich mir schon, dass das nicht so bleiben wird. In dieser Überzeugung werde ich noch bestärkt, als wir dann eine Art Spiel spielen, in dem es um das eigene Alter ging. In zwei Gruppen sollen wir uns nach dem Alter sortieren. Die Jungen stehen vorn und mit zunehmender Lebenserfahrung ordnet man sich weiter nach hinten ein. Ich bin froh, dass ich nicht ganz als Letzte in unserer Reihe stehe.

Es gab aber keine Muße, um darüber nachzudenken, denn anschließend übernimmt Birgit das Zepter. Sie lässt uns Schläge und Sprünge in Vorbereitung auf den Freikampf ausführen, die uns schnell in Schwitzen bringen. Da kann ihr lautes RELAX noch so durch die Halle donnern, ich bin in kürzester Zeit schweißgebadet.

Ich hoffe einen Moment, dass es bei Li weniger anstrengend sein wird, werde aber sofort vom Gegenteil überzeugt. Dehnungsübungen und Sprünge schaffen es, dass meine Hose am Körper zu kleben beginnt. Das ist nicht besonders hilfreich, wenn man versucht, seine Beine so hoch wie möglich zu schwingen. Während Li beim Kungfu den Eindruck mache, als ob sie schwebe, komme ich mir eher wie ein Tanzbär vor.

Bei Jenny wird es nur scheinbar ruhiger, denn hier ist zusätzlich noch der Kopf gefragt. Aikido sieht nur auf den ersten Blick gelassen aus. Schritte, Drehungen und dazu noch Haltung mit Körperspannung bringen mich fast bis an meine Grenzen. Ehrlich gesagt, bin ich heilfroh, als das ganze Training vorbei ist. Worauf habe ich mich da nur wieder mal eingelassen?

Montag, 23.07. 2018

Die Sonne heizt schon am frühen Morgen gut ein. Zum Glück ist die Turnhalle in Gerdshagen ein Überbleibsel aus DDR-Zeiten. Obwohl sie keine Klimaanlage hat, ist es noch relativ kühl darin. Zumindest wenn man das mit den Temperaturen außerhalb der Halle vergleicht. Ich bewundere die Frauen, die den Weg von Preddöhl per Fahrrad auf sich nehmen. Da wäre ich schon bei der Ankunft das erste Mal fix und fertig.

Es bleibt nicht viel Zeit zum Rumwundern, denn Lydia beginnt pünktlich mit dem Training. Schon beim Aufwärmen kommen die Arnis-Stöcke zum Einsatz. Ich fühle mich noch ganz gut, denn diese Sachen sind mir ja bekannt. Natürlich steigern sich die Anforderungen und als wir uns als Gruppe in Anfänger und Fortgeschrittene teilen sollen. Gehe ich lieber zu den Neulingen. Ein bisschen neidisch schaue ich zu meinen Dojo-Kolleginnen, aber ich kenne meine Schwachstellen und lasse die Experten lieber unter sich. Ich habe auch in dieser Gruppe genug zu tun, um die gestellten Aufgaben zu bewältigen. Ab und zu kann ich mal nach rechts und links einen Ratschlag geben. Das schmeichelt meinem Ego.

Nach einer kurzen Pause ist Li an der Reihe. Nach ihrer Erwärmung wissen wir endgültig, was Schwitzen ist. Nicht, dass wir in uns der vorigen Runde ausgeruht hätten, aber da war eher der Kopf gefordert. Jetzt ist Kondition gefordert. Beine hoch und runter, eine ausgiebige Dehnungseinheit die an Yoga erinnert – und schon bin ich klatschnass geschwitzt. Die Kommandos werden teilweise in Deutsch und manchmal auch in Englisch gegeben. Dann geht es paarweise weiter und ich erwische zum Glück jemanden aus meinem Pritzwalker Kurs. Da kann ich notfalls etwas Rücksicht einfordern, denn meine Partnerin kennt mich und weiß, dass sie das Schlagkissen nicht zu hoch halten braucht. Immerhin bekomme ich einen einigermaßen anständigen Mawashi oder Roundhouse-Kick, wie er bei Li heißt, hin. Dann sollen wir zusätzlich springen und uns drehen. Und alles in Kombination. Kick, Sprung, Kick, Drehung, Kick. Oder anders herum? Ich bin leicht überfordert. Mir läuft das Wasser am Körper herunter. Die Hose klebt wieder an den Beinen und mir wird langsam klar, warum man Kickboxen in kurzen Hosen macht. Als ich mich umblicke, um zu verschnaufen, stelle ich fest, dass es etlichen anderen auch nicht besser geht. Einige steigen sogar schon aus. Ich halte gerade so bei der Stange und bin heilfroh, als es ans Dehnen geht.

Nach der Mittagspause übernimmt Jenny mit Aikido das Kommando. Allerdings erfolgen alle Anleitungen auf Englisch. Auch hier erinnert die Erwärmung stark an Yoga. Zwischendurch gibt es noch etwas, was an Tanzschritte erinnert. Es sieht elegant und mühelos aus, aber irgendwie will es mir nicht so recht gelingen alles nachzumachen. Die Ausführung der scheinbar leichten Bewegungen ist kompliziert. Irgendwie bin ich mit rechts und links überfordert. Liegt es am Wetter, daran, dass es die dritte Einheit am heutigen Tag ist oder bin ich einfach zu blöd? Wieder einmal schiele ich zu den anderen Mitstreiterinnen. Manch einer geht es ähnlich wie mir. Das tröstet mich. Und so freue ich mich an der Eleganz von Jennys Bewegungen während ihrer Erklärungen. Es sieht so spielerisch leicht aus, was sie macht. Ich habe nicht allein diesen Eindruck, denn ein bewunderndes Raunen geht durch die Halle, als sie eine unerwartete Drehung mit einem perfekten Block kombiniert.

Die Übungseinheit vier verspricht Freikampf. Ich fühle mich total erschöpft und möchte am liebsten schwänzen. Aber dann packt mich der Ehrgeiz und ich bleibe. Weil es schon spät ist und wir alle im wahrsten Sinne des Wortes etwas abgekämpft aussehen, nimmt Trainerin Birgit auf uns Rücksicht. Sie meint wir würden es etwas langsam angehen. Und schon dröhnt ihr RELAX durch die Halle. Eins, zwei und drei zu zählen, sollte eigentlich kein Problem sein. Doch auch das stellt sich als kompliziert heraus. Eins vor und eins zurück ist noch logisch. Zwei vor und eins zurück wird schon schwerer. Drei vor und eins zurück erweist sich schon ohne Technik als kompliziert. Als ich es mit einem Fauststoß kombinieren soll, habe ich das Gefühl, dass ich nicht mehr bis drei zählen kann. Köper und Geist geraten an ihre Grenzen und ich bin wieder klatschnass geschwitzt. Was für eine Erholung ist da sie gegenseitige Schüttelmassage, die den Abschluss bildet.

Dienstag, 24.07.2018

Ich habe an diesem Morgen das Qigong angeleitet und komme daher total entspannt in der Halle an. Jenny beginnt das Aikido mit ihrer genialen Erwärmung. Diesmal wird auch die Stimme eingesetzt und die ganze Halle vibriert von unseren Schreien. Dann geht es weiter mit Rechts-Links-Übungen. Die morgendliche Entspannung weicht und es klappt leider nicht viel besser als am Vortag. Jenny hat Geduld und erklärt immer wieder, was wir machen sollen. Ich übe beharrlich und tatsächlich funktioniert es ab und zu.

Nach der Pause steht Freikampf auf dem Programm. Schon die Erwärmung ist schweißtreibend. Die Temperaturen außerhalb der Halle sind wieder auf 30 Grad geklettert. Innen ist es vielleicht etwas kühler, aber nach kurzer Zeit klebt mir schon wieder die Hose an den Beinen. Partnerübungen werden angesagt. Natürlich wird auch rechts und links wieder gefordert. Ständig neue Partnerinnen sollen uns an wechselnde Situationen gewöhnen. Ich sehe ja den Sinn dahinter ein, gerate aber mehrmals an Schwarzgurte der verschiedenen Stile. Da denke ich so bei mir, dass die sich freuen werden, wenn ich mehr Angst als Kampfgeist zeige. Aber alle beweisen erstaunlich viel Geduld. Und so lerne ich einige Sachen, von denen ich hoffe, dass ich sie auch behalte. Schau an, der ungeliebte Freikampf kann sogar Spaß machen. Trotzdem bin ich froh, als die Mittagspause heran ist.

Lydia übernimmt das Kommando nach dem Mittag. Doch zuerst wollen wir ein Erinnerungsfoto machen. Das hört sich leichter an, als es getan ist. Wegen der Sache mit dem Datenschutz muss man auf Nummer sicher gehen, dass auch alle einverstanden sind, um die Bilder veröffentlichen zu können. Als dann endlich klar ist, dass alle die Erklärung unterschrieben haben, stellen wir uns zur Fotosession auf. Danach beginnt aber das Training. Heute stehen keine Stöcke auf dem Programm, sondern Teile aus einer Katta. Das ist eine vorgeschriebene Abfolge von Bewegungen, die wir je nach Gurtfarbe erlernen. Über die Wunshu bin ich ja eigentlich hinaus. Das bedeutet aber auch, dass ich sie lange nicht gemacht habe. Genau wie bei allem anderen ist es auch bei einer Katta so, dass wenn man sie nicht übt, sie langsam in Vergessenheit gerät. Als Lydia auffordert, dass sich diejenigen, die sie kennen, sich melden, zögere ich und hebe nur ganz vorsichtig meinen Arm. Erst als ihr auffordernder Blick mich streift, recke ich ihn nach oben. Wir bekommen eine Partnerin, aus einem anderen Stil und sollen mit ihr üben. Allerdings ist das Ganze als Zweierübung ausgelegt. Darauf bin ich gar nicht eingerichtet und somit reichlich verwirrt. Zum Glück stehen die Frauen aus meinem Dojo in der Nähe. Kurz entschlossen bauen wir uns nebeneinander auf und versuchen unser Bestes. Es ist nicht einfach. Einerseits muss ich schauen, was meine Mitstreiterinnen machen und anderseits habe ich ja noch die Partnerin aus dem anderen Stil, mit der ich arbeiten soll. Manchmal scheitert es schon an den Kleinigkeiten. Allein die Stände heißen unterschiedlich. Das gilt auch für die Tritte und die Blöcke. Trotzdem finden wir zueinander und üben beständig. Dabei geht die Zeit schnell vorbei. Zum Abschluss sollen drei unserer Berliner Braungurte die ganze Katta vorzeigen. Meine Übungspartnerin zeigt sich beeindruckt.

Nach einer kleinen Stärkung mit Kaffee und Keksen hat Li wieder das Sagen. Sie jagt uns durch die Halle, dass der Schweiß in Strömen fließt. Dann fragt sie auch noch, ob wir schon warm sind. Ein kollektives Schnaufen bestätigt das. Also gehen wir zum Dehnen über. Dehnen, dehnen und nochmals dehnen. Dann kommen Tritte an die Reihe. Einige der Namen sind mir bekannt, andere nicht. Zumindest weiß ich, was von mir erwartet wird, auch wenn ich es nicht immer so hinbekomme, wie ich es gern hätte. Wir bilden Dreiergruppen und machen Stand- und Stabilisationsübungen. Dann gehen wir zu Partnerübungen mit Schlagkissen über. Es werden Tritte mit Sprung und mit Drehung geübt. Meine Partnerin bringt mich schon mal ganz schön aus dem Gleichgewicht. Aber ich kenne sie und ihre Art, daher kann ich damit umgehen und bin nicht sauer. Dafür genieße ich die abschließende Shihatsu-Massage auf der Wiese doppelt.

Mittwoch, 25.07.2018

Es geht los mit Freikampf. Trainerin Birgit lässt ihr unnachahmliches RELAX durch die Halle schallen. Manchmal hängt sie aus Übermut noch eine Schlagkombination mit einem kräftigen BUH hintendran. Wir sind begeistert über so viel Power. Zu Beginn gibt es eine wilde Erwärmung mit Drehungen und Tritten. Dann sollen wir das Bein auf die Schulter einer Partnerin legen. Das hört sich schlimmer an, als es ist, denn ich finde mich schon nach drei Tagen erstaunlich beweglich. Außerdem gehen wir relativ vorsichtig miteinander um. Keine will unbedingt beweisen, dass sie mehr drauf hat, als die Mitstreiterinnen. Das ist einer der Gründe, warum ich am liebsten mit Frauen trainiere. Allerdings bin ich der Frau, der ich bei dieser Übung gegenüberstehe, wohl doch zu klein. Wir wechseln zu Jenny, die bisher jedes Training der Kolleginnen mitgemacht hat. Sie ist viel größer als ich und hat ebenfalls eine kleinere Partnerin. Um den Tausch zu begründen, sage ich, dass ich "to small" bin. Sie schaut auf mich herunter und grinst: "You are perfect." Na das ist mal eine Ansage! Ich glaube, ich bekomme mein Bein gleich zehn Zentimeter höher als sonst. Dann geht es ans Eingemachte. Wir üben die Sequenz von gestern und erweitern sie um einige Nuancen. Hatte ich erwähnt, dass ich Freikampf nicht mag? Jedenfalls habe ich so viel Spaß, dass ich manchmal lachend durch die Halle hüpfe. Das liegt unter anderem auch daran, dass ich mich über mich selbst amüsiere. Es ist schon erstaunlich, wie oft man rechts und links verwechseln kann, auch wenn man jeweils nur zwei Arme und Beine hat. Eigentlich war hüpfen bei mir in der letzten Zeit nicht so sehr angesagt. Jetzt macht es mir nichts mehr aus. Schon nach zwei Tagen intensiven Trainings scheint mein Körper dehnbarer und auch irgendwie kräftiger. Erstaunlich. Schade, dass an diesem Nachmittag kein Training ist. Mir wird direkt was fehlen.

Nach der Pause steht aber erst einmal Aikido an. Ohne Frage bringt uns Jenny sofort wieder zum Schwitzen. Vor allem die Dehnung hat es in sich. Doch während ich die Zähne zusammen beiße, denke ich, dass man solche Übungen viel öfter machen sollte. Leider kenne ich meinen inneren Schweinehund und so wird daraus sicher nichts werden. Beim Üben bauen wir auf das schon Gelernte auf. In ihrer unnachahmlichen Art erklärt Jenny uns, was sie von uns erwartet. Das Ganze ist auf Englisch, aber meine Sprachkenntnisse reichen. Ich glaube, auch wenn man kein Wort verstehen würde, begreift man, worum es geht. Irgendwann kommen dann Würfe an die Reihe. Während ich zuerst noch denke, dass ich mich davor dann doch drücken werde, kullere ich kurze Zeit später über den Hallenboden. Erstaunlicherweise habe ich auch hierbei Spaß. Die ganze Trainingseinheit endet mit einer Sequenz Dehnung, die es in sich hat. Bei einer rechts seltsamen Pose fragt Jenny, wie man diese denn nennen könne. Alle sind sich einig und stöhnen gemeinsam FROG. Trotzdem grinsen wir.
Der Nachmittag ist, wie schon erwähnt frei. Man kann Baden, Reiten, Relaxen. Jede mag das tun, was ihr gefällt. Auch mal schön.

Donnerstag, 26.07.2018

Das erste Training übernimmt Li. Das heißt: Tritte, Tritte, Tritte. Aber was ist nur los mit mir? Gestern habe ich mich noch gefühlt, als könnte ich Bäume ausreißen. Und heute? Anstatt zu hüpfen, schlurfe ich über den Boden und bin schon nach wenigen Minuten schweißnass, ohne wirklich viel getan zu haben. Natürlich ist es draußen unheimlich warm. Aber das kann es nicht allein sein. War die Pause am gestrigen Nachmittag kontraproduktiv? Während ich noch darüber nachdenke, wechseln wir zur Dehnung. Was für ein Glück. Es zwickt und zwackt zwar überall, aber wenigstens habe ich nicht mehr das Gefühl ein nasser Waschlappen zu sein. Dann beginnen die Partnerübungen und ich vergesse meine Befindlichkeiten und konzentriere mich auf die Aufgaben. Wieder einmal bin ich erstaunt, wie hoch ich meine Beinchen doch schmeißen kann. Mein Körper scheint sich besonnen zu haben.

Das Gehirn hängt allerdings immer noch im Ruhemodus. Das merke ich peinlich berührt, als wir in der nächsten Runde mit Lydia Stockkampf trainieren. Eigentlich sollten mir die Grundlagen aus unserem Stil bekannt sein. Aber ich verwechsle die einfachsten Sachen und verstecke mich wieder in der Gruppe der Anfängerinnen. Etwas traurig schaue ich zu meinen Mitstreiterinnen bei den Fortgeschrittenen, die sich souverän auf diesem Terrain bewegen. Aber ich halte durch und bin etwas getröstet, als ich in der Mittagspause höre, dass auch andere Frauen Schwierigkeiten mit rechts, links, oben, unten und dem ständigen Seitenwechsel haben. Was für ein Glück! Ich bin nicht allein mit meinen Problemen.

Nach dem Mittag steht Freikampf auf dem Plan. Birgit erheitert uns bei der schweißtreibenden Erwärmung mit ihren unnachahmlichen RELAX-Rufen. Wir grinsen, aber das Wasser läuft uns schon nach den ersten Minuten in Strömen am Körper herunter. Es wird noch schlimmer, als es dann richtig zur Sache geht. Wir haben uns in Vierergruppen zusammengefunden. Davon soll sich jetzt jeweils ein Paar gegenüber stehen, um sich einen Fight zu liefern. Die anderen Beiden fungieren als Coach. Meine Gruppe nimmt das Ganze, wie angesagt, ziemlich relaxt und so habe ich Spaß. Allerdings ist es unheimlich warm. Alle sind klatschnass. Selbst als ich dann als Coach antrete, spüre ich wie mir die Schweißtropfen über Gesicht und Rücken rinnen. Da kommt mir die Pause dann mehr als nur recht.

Eine Viertelstunde ist nicht lang. Und abgekühlt hat es sich nicht. Wie denn, wenn es draußen Hochsommer ist? Trotzdem geht es weiter. Aikido-Trainerin Jenny erklärt uns nach der obligatorischen Sequenz aus Erwärmung und Dehnung die heutige Aufgabe. Sie lautet: Abwehr eines Messerangriffs. Das klingt dramatisch, ist es aber nicht, denn es handelt sich um einen vorgeschriebenen Ablauf. Außerdem sind unsere Übungsmesser aus Holz. Die Verletzungsgefahr ist also ziemlich gering. Allerdings bedeutet "vorgeschriebener Ablauf", dass der Kopf einen nicht geringen Anteil am Erfolg der Übung hat. Bei mir dauert es wieder einmal eine ganze Weile, bis die Füße dort stehen, wo sie auch stehen sollen. Zwischendrin zeigt uns Jenny immer wieder, wie man mit wenig Kraft und flinken Drehungen seinen Gegner zu Fall bringen kann. Was sie so elegant vorführt, fällt den Meisten von uns nicht ganz so leicht. Trotzdem liegen die ersten schnell auf dem Boden. Natürlich heißt es auch hier, dass die Übung den Meister macht. Zwischendurch werden wir immer wieder zusammen gerufen und auf mögliche Haltungsfehler aufmerksam gemacht. Die Art in der uns Jenny das erklärt ist unnachahmlich. An ihr ist glatt ein Pantomime verloren gegangen. Und  so haben wir trotz aller Anstrengungen noch jede Menge zu Lachen. 

Freitag, 27.07.2018

Nun beginnt der letzte Trainingstag. Wie schnell ging das denn? Uns bleibt aber keine Zeit, um Wehmut aufkommen zu lassen. Heute werden alle Trainings kürzer und intensiver. Wir beginnen unter Lydias Anleitung mit dem Stockkampf. Ich komme mit meiner holländischen Partnerin gut zurecht und bin ganz stolz auf meine Fertigkeiten. Endlich beherrsche ich die richtige Abfolge. Was für ein tolles Gefühl.

Uns bleiben fünf Minuten Pause um uns zu dehnen und Li übernimmt das Zepter. Heute sollen wir alle drei Tritte aus den vorangegangenen Tagen zu einer Sequenz zusammenfügen. Meine Partnerin bei dieser Übung leitet in ihrem Stil schon seit Jahren erfolgreich eine eigene Übungsgruppe. Das kann ja nur peinlich werden, befürchte ich. Aber es klappt erstaunlich gut mit uns beiden. Ich mache mir keine Illusionen. Es liegt garantiert nicht an mir, sondern an meiner geduldigen Trainingspartnerin. Von ihr bekomme ich hilfreiche Hinweise und schaffe sogar einige gesprungene Tritte, die nicht ganz so murklig aussehen wie am Vortag.

Nach einer kurzen Rast tönt Birgits RELAX wieder durch die Halle. Wir streifen die Schützer über und beginnen mit dem Freikampf. Mal greift die eine an, mal die andere. Partnerinnenwechsel. Weiter. Wechsel. Weiter. Der Schweiß läuft. Es ist anstrengend. Trotzdem bleibt noch Zeit um ab und zu mal über die eigene Ungeschicklichkeit zu lachen.

Aikido mit Jenny macht den Abschluss. Körperlich fahren wir etwas herunter. Die Techniken sind nicht ganz so schweißtreibend, aber dafür ist der Kopf mehr gefordert. Der ist inzwischen natürlich auch nicht mehr zu Hochleistungen fähig. Trotzdem schaffen wir es, die Bewegungsabläufe, die uns Jenny in ihrer humorigen Art vorgibt, einigermaßen korrekt nachzustellen. So etwas wie Stolz stellt sich ein.

Und dann ist es plötzlich vorbei. Die Zeit ist um. Kaum zu glauben wie schnell die Woche vorüber ging. Wir sitzen im Kreis, um uns voneinander zu verabschieden. So viele unterschiedliche Frauen, verschiedene Stile und sogar Sprachen! Wir waren uns einige Tage ganz nah –und jetzt verstreut uns das Leben wieder in alle vier Winde. Wehmut macht sich breit, als wir uns bei den Trainerinnen, Helfern und auch beieinander bedanken. Vielleicht sieht man sich irgendwann und irgendwo einmal wieder. Vielleicht aber auch nicht. Diese Tage im Juli kann uns jedoch keiner mehr nehmen.




2.6.18

Es ist ein Kraut entsprungen ...


Als ich vor einigen Jahren, zum ersten Mal meiner Familie verkündete: "Ich gehe ins Kloster", erntete ich erstaunte Blicke und Kopfschütteln. Inzwischen haben sie sich an diesen Ausspruch gewöhnt, denn sie bekommen ihn öfter zu hören. Er bedeutet nichts weiter, als dass ich wieder einmal einen meiner Lieblingsorte, das Kloster Heiligengrabe bei Wittstock, aufsuche, um einen der dort angebotenen Kurse zu besuchen.


Diesmal geht es zum Kräuterkurs. Den bietet meine Lieblingskräuterfrau Beate Hohenstein einmal im Jahr auf dem Klostergelände an. Ich versuche sie seit geraumer Zeit zu überreden, sich bei eBay ein "von" zu ersteigern. Beate von Hohenstein klingt doch einfach umwerfend. Fast wie Hildegard von Bingen. Aber zurück zum Thema. Die Veranstaltung, zu der ich unterwegs bin, nennt sich mit vollem Namen "Wildkräuter-Wochenendseminar" und ich freue mich schon sehr darauf.

Am Freitag den 25.05.2018 reisen insgesamt elf Damen und ein Herr in Heiligengrabe an, um gemeinsam ein Wochenende zu verbringen. Die meisten davon, so auch die Chefin des Ganzen, stammen aus Berlin. Hier aus der Gegend kommen nur zwei. Und ich bin die Einzige, die jeden Abend nach Hause fährt. Das lässt sich leider aus organisatorischen Gründen nicht ändern, obwohl ich es sehr schade finde. Die anderen Teilnehmer sind auf dem Klostergelände in schnuckligen, kleinen Zimmern untergebracht.
Wie fast immer, bei solchen Veranstaltungen, überwiegt der Frauenanteil. Irgendwie kann ich das nicht verstehen, weil ja die "Großen" der Zunft, abgesehen von Hildegard, ja alles Männer sind. Denken wir nur an Paracelsus oder an Wolf-Dieter Storl. (Ich hoffe, der Letztere freut sich, wenn ich ihn in einem Satz mit dem Altmeister nenne.) Hin wie her, wir haben ja wenigstens einen Mann unter uns und machen uns miteinander bekannt.


Das fällt uns leicht, denn Beate empfängt uns mit einem toll gedeckten Tisch und strahlendem Lächeln im Wulfenhaus, einem Gästehaus mit Küche, das zur Klosteranlage gehört. Dabei klang sie vor einigen Stunden noch ganz anders. Recht aufgelöst, berichtete sie mir am Telefon, dass man das Grün auf dem gesamten Klostergelände vor einiger Zeit ordentlich gemäht hätte. Und weil es seit diesen Tagen nicht mehr geregnet habe, sei kaum etwas nachgewachsen. Als ich sie beruhigend auf das Gelände rund um die Teiche hinweisen wollte, konnte sie auch nur mit Hiobsbotschaften aufwarten. Die versandeten Teiche werden gerade renaturiert. Das ist im Prinzip eine gute Sache. Allerdings haben die Baumaßnahmen die Vegetation im Uferbereich arg in Mitleidenschaft gezogen. Da blieb nichts übrig, was man hätte sammeln können.


Das sind keine besonders guten Voraussetzungen für ein Wildkräuterwochenende. Als wir uns dann etwas später gemeinsam die Lage ansehen, war es doch nicht ganz so schlimm, wie auf den ersten Blick befürchtet. Es fanden sich doch noch einige Ecken, an denen wir fündig werden würden.
Nach der obligatorischen Vorstellungsrunde setzen wir uns und genießen die Köstlichkeiten, die Beate für uns vorbereitet hat. Es gibt jede Menge gesundes Zeugs. Das meiste davon ist selbstgemacht und natürlich vegetarisch. Ich bin fasziniert. Die Arme muss tagelang zuvor in der Küche gestanden haben, um alles vorzubereiten. Knäckebrot, zwei verschiedene Arten eines Möhren-Tomaten-Aufstrichs (exotisch und mediterran), falsche Leberwurst aus Eichelmehl, Nusshonig und weitere leckere Sachen. Ich koste von allem, finde es total lecker und beschließe, dass ich sie überreden werde, ein Kochbuch zu schreiben. 
Während wir noch eifrig beim Essen sind und alles mit aromatisiertem Wasser oder Tee aus frisch gesammelten Kräutern herunterspülen, gibt es die erste Planänderung. Das Kloster hat uns zum Gottesdienst eingeladen und bis auf den freiwilligen Spüldienst, nehmen alle daran teil. Danach werden, wie vorgesehen, organisatorische Dinge besprochen, die Skripte mit den Rezepten ausgeteilt und schon eilen die Kulturbegeisterten unter uns zur nächsten Veranstaltung. In der wunderschönen Kapelle des Klosters wird ein "Frühlingsabend mit sechs Frauengeschichten" angeboten. Ich ärgere mich, dass ich mich nicht vorher darüber informiert habe und nicht daran teilnehmen kann. "Da berühren sich Himmel und Erde - Biblische Erzählungen und Musik" klingt echt spannend. Aber so ist das Leben. Man kann nicht auf allen Hochzeiten tanzen.


Am Samstag den 26.05.2018 trudle ich als letzte in der Küche des Wulfenhauses ein. Die anderen Teilnehmer begrüßen den Tag schon mit warmen Ingwerwasser und angeregten Gesprächen. Obwohl es erst 7:30 Uhr ist, wundere ich mich nicht darüber. Schließlich kenne ich die heilsame Wirkung, die dieses Kloster auf die Menschen hat, die es aufsuchen. Auf meine Nachfrage bestätigen auch alle, dass sie wunderbar geschlafen haben. Und so ergibt ein Wort das andere. Wir erzählen, tauschen uns aus und kommen gar nicht so richtig "aus dem Knick", wie man das so nennt. Dabei wollen wir doch laut Plan erst eine Runde Qigong zum Morgen machen, dann Kräuter fürs Frühstück sammeln und diese auch noch vor der ersten Tagesmahlzeit verarbeiten. Aber Entspannung geht vor, sagen wir uns. Als wir endlich losschlendern hat es niemand besonders eilig. Das ist mir Recht, denn ich werde das Qigong anleiten und da ist Hektik nicht von Nutzen. 



Wir üben barfuß, unter einem Kirschbaum auf der Wiese zwischen Hauptgebäude und Kräutergarten. Dabei wundern wir uns, dass sich die Kirschen schon rot färben. In diesem Jahr ist alles recht zeitig und die Sonne versucht ihr Bestes, um einen sommerlichen Eindruck zu machen. Nach einer halben Stunde sind wir noch entspannter, nehmen wir unsere Sammelkörbe und bummeln los. Der erste Weg führt uns zu dem von einer Hainbuchenhecke umschlossenen Kräutergarten. 


Es dauert eine ganze Weile, bis Beate all unser Fragen zu den einzelnen Pflanzen beantwortet hat. Die Zeit verrinnt und wir sollten doch langsam mit dem Sammeln beginnen, mahnt die Chefin. Schließlich knurrt der eine oder andere Magen schon bedenklich. Wider Erwarten sind die Körbe schnell gefüllt. So schlimm, wie es auf dem ersten Blick schien, ist die Sache mit dem Mähen doch nicht gewesen. Es gibt noch genug für uns zu pflücken.


Im Wulfenhaus zurück, verteilen wir die Arbeiten. Kräuter waschen, Obstsalat aus mitgebrachten Früchten machen, Tee kochen, süßen Quark anrühren, Tischdecken. Für jeden findet sich eine Aufgabe. Mir fällt das Kaffeekochen zu. Als geborener Sachse bin ich da natürlich in meinem Element, glaube ich zumindest. Aber dieser Kaffee wird anders. Er bekommt als Zugabe Kardamom und Ingwer. Dann gibt es noch einen Löffel Dinkelkaffe und eine Prise Kaffeegewürz. Die Reaktionen auf die ersten Schlucke sind gespalten. Doch nach und nach überwiegt die Zustimmung. Da bin ich aber froh. Über das tolle Budwig-Müsli und Beates Brotaufstriche sind sich dagegen alle einig. Lecker, klasse und "ist das Rezept dafür auch in unserem Skript?", lauten die Kommentare. Wenn eine Frühstückszutat darin nicht aufgeführt ist, dann wird einstimmig gefordert, dass wir wissen wollen, was und wie es hergestellt wird. Nebenbei haben wir auch noch eine schwierige Aufgabe zu bewältigen. Wir sollen uns entscheiden, was wir während des Kurses selber fertigen wollen. Am liebsten würden natürlich alle auch alles machen, aber dazu reicht die Zeit nicht. Schweren Herzens müssen wir Abstriche machen. Auf alle Fälle wollen wir ein Massageöl, Gelenksalbe, ein Körperpeeling und natürlich auch Kräutersalz mit nach Hause nehmen.


Weil das späte Frühstück so lecker ist und wir zudem so viele Fragen an Beate haben, ziehen wir erst am sehr vorgeschrittenen Vormittag los, um die Kräuter für unser Mittagessen und die diversen Vorhaben zu sammeln. Es soll Spinat aus Brennnesseln und Giersch geben. Wir verlassen das Klostergelände und schlendern ein Stück auf dem Annenpfad, der das Kloster Heiligengrabe mit den Kirchen in Bölzke und Alt Krüssow verbindet, entlang. Natürlich wachsen am Wegesrand diverse Kräuter und Beate muss tausend Fragen nach Namen und Verwendung beantworten. Das tut sie mit einer Engelsgeduld und einem immensen Wissen. Es ist total interessant, aber wirklich vorwärts, kommen wir auf diese Art nicht. Als wir uns dann im Wald über die Erfahrungen beim Waschen mit Efeu austauschen, tut mir unser einziges männliches Teammitglied doch schon etwas leid. Ich glaube nicht, dass ihm dieses Thema liegt. Außerdem ist es weit über Mittag und wir haben immer noch nicht besonders viel in unseren Körbchen. Irgendwann sehen wir das ein, und beginnen endlich mit dem Sammeln. Bei so vielen Händen kommt die erforderliche Menge schnell zusammen und wir wandern frohgemut zurück.


Der Zeitplan ist uns inzwischen völlig egal, denn niemand will sich unter Druck setzen. Wir beginnen mit den Vorbereitungen für die Eigenkreationen und das Mittagessen, das wohl eher ein Brunch werden wird. Wie vorher werden die Aufgaben ohne Zeigefinger aufgeteilt und alle suchen sich eine nützliche Beschäftigung. Am großen Küchentisch zupfen wir dann tapfer die Blätter von den Brennnesseln. Den Giersch vorzubereiten ist längst nicht so schmerzhaft. Aber was soll es, auch diese Arbeit ist irgendwann getan, auch wenn kurz vor Schluss noch ein weiterer Korb mit Nesseln auftaucht. Kartoffeln schälen, Rührei machen, den Sud für die Salbe vorbereiten, die Kräuter für das Salz zubereiten – wir sind alle stark beschäftigt. Trotzdem findet man auch Zeit, die von Beate mitgebrachte Literatur durchzublättern, sich Notizen zu machen und Erfahrungen auszutauschen. Unsere Gruppe ist bunt gemischt. Einige sind Neueinsteiger auf dem Kräutergebiet, andere haben schon Erfahrungen damit. Ich finde es immer wieder faszinierend, wie sich Menschen, die sich nicht kennen, durch ihre gemeinsamen Interessen schnell zueinanderfinden.


Aus unserem Mittag ist tatsächlich ein Brunch geworden. Der Brennnessel-Giersch-Spinat ist nicht jedermanns Sache, aber man kann ihn essen, finden wir. Alles andere ist wie immer total lecker. Satt und zufrieden sitzen wir um den großen Tisch und beschließen, den Zeitplan endgültig zu den Akten zu legen. Stattdessen bereiten wir weiter unsere Mischungen vor. Das Rohmaterial für das Kräutersalz trocknet im Dörrapperat. Abgewaschen muss auch noch werden, denn es gibt keinen Geschirrspülautomat. Bei zwölf Personen kommt einiges zusammen. Und da sind noch nicht einmal die Sachen mitgerechnet, die wir zum Zubereiten unserer Rezepte brauchen. Trotzdem geht alles reibungslos und gelassen über die Bühne. Nach getaner Arbeit hängen wir die Trockentücher in den Dornbusch an der Hausmauer und freuen uns über den Anblick, als hätten wir ein Kunstwerk geschaffen.

Wer mag, zieht noch einmal mit dem Körbchen los und besorgt dieses und jenes. Das Abendessen lassen wir einstimmig ausfallen, alle sind noch satt. In der Küche wird gewerkelt. Schneiden, Mixen, Rühren, im Wasserdampf erhitzen. Es riecht nach unzähligen Duftölen, mit denen wir unsere Werke verfeinern wollen. Und es sieht ein bisschen aus wie beim Zauberlehrling. Überall stehen Büchsen, Gläser, Tüten mit geheimnisvollem Inhalt herum. Und dann sind da noch Kräuter über Kräuter. 


Manchmal wuseln wir alle durcheinander und stellen gleichzeitig unsere Fragen. Beate behält die Übersicht. Sie erklärt, zeigt und behält die Geduld. Die Zeit vergeht, und nach und nach werden wir müde, unser Arbeitseifer erlahmt. Schlussendlich sitzen alle am Tisch und blättern in ihren Aufzeichnungen. Ich mache mich müde auf den Heimweg und werfe zuvor noch einen Blick in die Runde. Ich glaube nicht, dass hier noch eine Party stattfinden wird. Alle sehen ziemlich geschafft aus.

Am Sonntag den 27.05.2018 bin ich nicht die Letzte, die sich am frühen Morgen, diesmal schon um sieben, in der Küche einfindet. Bei einer Tasse Ingwerwasser erfahre ich, dass am vergangenen Abend tatsächlich keine großen Sprünge mehr gemacht wurden. Aber ein Märchen gab es noch. Beate hat es vorgelesen. Ich ziehe einen Flunsch. Schade, da habe ich wieder was verpasst. Weil heute schon der letzte Tag ist, können wir nicht so bummeln, wie gestern, und ziehen zum Qigong los. Auf unserem Platz unter dem Kirschbaum beginnen wir den Tag wieder mit einigen Übungen. Danach teilen wir uns auf. Einige machen sich auf den Weg zum Kräutersammeln. Andere gehen gleich zum Wulfenhaus, um das Frühstück vorzubereiten. Ich melde mich wieder zum Kaffeekochen. Nachdem er gestern doch noch recht gut angekommen war, freue ich mich schon auf die erste Tasse dieses Wundergetränks.

Die Sammeltruppe kommt bald zurück und wir alle wuseln durch die Küche, um das Frühstück aufzutischen. Bei vierundzwanzig Händen geht das ziemlich schnell. Bald sitzen wir wieder am Tisch. Es ist lecker wie am Vortag. In unsere muntere Plauderei schleicht sich ab und zu ein bisschen Wehmut ein. Das Ende des Kurses ist leider schon in Sicht. Aber es bleibt keine Zeit, darüber zu jammern, denn die Arbeit ruft. Wir wollen unsere Produkte fertigstellen, das Mittagessen vorbereiten und so ganz nebenbei müssen die Sachen gepackt werden, denn die Heimreise steht an.

Unsere Küche verwandelt sich wieder in ein Laboratorium, das auch in Hogwards sein könnte. Wäre der Tisch nicht so stabil, würde er sich unter den Gläsern und Flaschen biegen. Nach und nach werden die letzten Vorhaben abgearbeitet. Alle beschriften stolz ihre Gefäße. Wir haben an diesem Wochenende nicht nur viel gelernt, sondern danach auch eine Menge vorzuzeigen. Gleichzeitig laufen die Vorbereitungen zum Mittagessen. Heute gibt es Kartoffeln mit Kräuterquark. Der schmeckt diesmal allen richtig gut.

Als die Teller leer sind, gibt es noch ein Märchen. Es ist ein bisschen traurig und passt daher gut zu unserer Stimmung. Bei der anschließenden Feedbackrunde kommt natürlich von etlichen Seiten die Zu-kurz-Bemerkung. Aber sonst sind alle zufrieden. Die Mischung aus Neulingen und alten Hasen passte. Selbst unser einziger Mann sagt, dass er sich in der schnatternden Frauenrunde wohl gefühlt hat. Wir tauschen Adressen und Telefonnummern, denn die Ersten müssen schon los. Wer noch geblieben ist, räumt auf und packt zusammen. Ich bestehe währenddessen auf einem Abschiedsschmankerl. Das gab es im letzten Jahr auch, ist mein Argument. Ich liebe die Datteln, die mit Mandelmus gefüllt und einer Walnuss garniert werden. Das Anrichten dieser Leckerei wird unsere letzte gemeinsame Aktion. Na ja, nicht ganz. Wir setzen uns noch einmal an den Tisch und genießen den Naschkram. Dann verabschieden sich die Nächsten. Das Haus leert sich nach und nach. Beate packt nun auch ihre gefühlt tausend Utensilien zusammen. Damit beladen wir ihr Auto. Eine letzte Umarmung, dann mache ich mich auf den Heimweg. Ich seufze ein bisschen, weil es schon vorbei ist, und freue mich doch schon auf das nächste Mal.




15.12.17

Welcher Weihnachtsbaum passt zu mir?

Wie jedes Jahr zu dieser Zeit stellst sich die Frage:

Welcher Weihnachtsbaum passt zu mir?

Fichte
Picea abies
Auch: gemeine Fichte, Rotfichte
Eine Fichte als Weihnachtsbaum, das gehört bei vielen Menschen zur Kindheitserinnerung. Der Baum mit den
lockeren, leicht nach oben gebogenen Äste hat relativ kurzen dunklen Nadeln, die etwas stechen. Es gibt sehr
schöne und füllige Exemplare, andere wirken aber durch den Astabstand oft etwas dünn und kahl.
Leider nadeln Fichten in warmen Räumen sehr schnell.

Fazit: Fichten gehören zu den preiswertesten Weihnachtsbäumen. Eine Fichte sollte sich aber nur derjenige kaufen, der seinen Baum für kurze Zeit aufstellen möchte.



Blaufichte
Picea pungens Glauca
Auch: Stechfichte, Edelfichte oderfälschlich (!) Blautanne
Blaufichten waren in vielen Gebieten Deutschlands lange Zeit die beliebtesten Weihnachtsbäume. Sie haben, je nach Herkunft, starre Nadeln, die von grün bis blau variieren können. Allerdings stechen diese  unangenehm.
Für Katzen- und Hundebesitzer kann das sogar ein Vorteil sein. Durch ihre starren, nach allen Seiten abstehenden Äste tragen Blaufichten schweren Baumschmuck.

Fazit: Wer den Schmerz bei Anputzen nicht scheut, hat einen Weihnachtsbaum, der seine schön gefärbten
Nadeln längere Zeit behält ohne sie abzuwerfen. Der Preis unterscheidet sich in den einzelnen Regionen, man
könnte ihn aber zur „gehobene Mittelklasse“ rechnen.



Serbische Fichte
Picea omorika
Auch: Omorika-Fichte, Heckenfichte

Diese Fichten werden meist als Hecke angepflanzt. Sie haben einen schlanken Wuchs und kurze, nach unten hängende Äste. Die Nadeln stechen nicht, sind an der Oberseite dunkelgrün und schimmern an der Unterseite durch ihre weißen Steifen oft bläulich.
Fazit: Wer wenig Platz hat, sollte auch einmal über eine Serbische Fichte nachdenken. Sie ist relativ preiswert und nadelt erst nach 1 – 2 Wochen. Die Äste sind leider nicht für schweren Schmuck geeignet. Sie wird nicht von vielen Händlern angeboten. Mein Tipp: Regionale Forstämter, Baumschulen oder örtliche Weihnachtsbaumplantagen.



Nordmann-Tanne
Abies nordmanniana

Nordmann-Tannen sind die wohl zu Zeit beliebtesten Weihnachtsbäume. Das liegt sicher daran, dass sie auch in warmen Räumen viele Tage stehen können ohne zu nadeln. Ihre Äste stehen nach meist starr ab und können auch schweren Weihnachtsbaumschmuck tragen. Die Nadeln sind dunkelgrün und weich. Frisch geschlagene Bäume duften angenehm. Viele Nordmann-Tannen stammen aus Dänemark, sind also durch den weiten Transport ökologisch nicht so ganz unbedenklich.

Fazit: Die Nordmann-Tanne ist ein schöner Baum, der lange seine Nadeln behält und freundlich zu
schmückenden (Kinder-)Händen ist. Das rechtfertigt auch einen höheren Preis.




Colorado-Tanne
Abies concolor
Auch: Grautanne

Zugegeben, an die graugrüne Benadelung muss man sich vielleicht erst einmal gewöhnen. Aber ich habe viele Kunden, die sagen: einmal Colorado-Tanne – immer Colorado-Tanne. Die unregelmäßig angeordneten, leicht gekrümmten und auffällig langen Nadeln sind weich, von heller Farbe und duften angenehm. Sie halten bis weit ins neue Jahr hinein und garantieren einen sehr langlebigen Weihnachtsbaum. Allerdings sind die Äste nicht unbedingt für Großmutters schweren Weihnachtsschmuck geeignet.

Fazit: Ein auffälliger Baum, der seinen Käufer mit angenehmen Duft und langanhaltender Schönheit
belohnt. Dafür kann man auch ein bisschen mehr ausgeben.




Korea-Tanne
Abies-Koreana

Sie ist ein schmaler Baum; geeignet für alle die wenig Platz zur Verfügung haben. Die Nadeln sind etwas gedrungen und variieren von hell- bis dunkelgrün. Ihre Unterseite ist weiß. Die Äste zeigen starr zur Seite. Manchmal bekommt man auch ein Exemplar mit Zapfen. Diese sind blau und stehen aufrecht nach oben. Leider zerrinnt diese Pracht bald. Tannenzapfen kann man nicht aufbewahren – sie zerfallen immer. Übrig bleibt der „Mittelstab“, die sogenannte Spindel. Man kann den „Zerfallsprozeß“ mit Haarlack zumindest verzögern.

Fazit: Wer wenig Platz hat und das Besondere liebt sollte es einmal mit einer Korea-Tanne versuchen. Sie sieht gut aus und nadelt spät. Das rechtfertigt den höheren Preis.
  



Nobilis
Abies nobilis
Auch: Edeltanne, Silbertanne

Mit ihr haben wir den edelsten und auch teuersten Vertreter der Weihnachtsbaumzunft. Die starken Äste der Nobilis sind dicht, aber etwas unregelmäßig benadelt und duften angenehm. Die kurzen, blaugrünen Nadeln haften lange und sind weich. Dieser Baum wirkt sogar ungeschmückt.
  
Fazit: Ein Luxusobjekt – auch durch seinen Preis – welches als Schmuck eigentlich nur Kerzen und rote Schleifen braucht.




Kiefer
Pinus silvestris

Es gibt sie noch – die Liebhaber der Kiefer. Oft hört man die Bemerkung: Als ich Kind war hatten wir immer eine Kiefer – haben sie denn keine? Ich gebe es zu: dieser Baum mit seinen aufstrebenden Ästen und den langen grünen Nadeln hat seinen ganz besonderen Reiz. Hat man sich einmal an die relativ großen Astabstände gewöhnt und den passenden Schmuck dafür ausgesucht, besitzt man einen ganz besonderen Baum, der kaum nadelt.
  

Fazit: Preiswert, haltbar und nostalgisch. Mut zur Kiefer!